Untersuchung von Bewegungsverhalten bei der Bildschirmarbeit im Homeoffice und Büro

Projekt-Nr. IFA 0509

Status:

abgeschlossen 01/2026

Zielsetzung:

Das Bewegungsverhalten in Alltag und Beruf ist seit langem Gegenstand umfangreicher Forschung. Ein Mangel an Bewegung und ein hoher Anteil sedentären Verhaltens (z. B. Sitzen bei der Arbeit) stehen in Zusammenhang mit etlichen negativen Gesundheitsfolgen. Umgekehrt wirkt ein gewisses Maß an regelmäßiger körperlicher Aktivität vielen Risiken entgegen und hat auch positive psychologische Effekte.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat zu einer weiten Verbreitung von mobiler Bildschirmarbeit geführt. Durch die COVID-19-Pandemie hat insbesondere das Homeoffice als Form mobiler Arbeit an Bedeutung gewonnen und wird wahrscheinlich auch weiterhin einen hohen Stellenwert in der Arbeitswelt haben. Bereits vor der Pandemie durchgeführte Untersuchungen zeigten teilweise ein verschiedenes Bewegungsverhalten der Arbeitenden, je nachdem ob sie zuhause oder im Betrieb arbeiteten. Durch die generelle Zunahme und breitere Implementierung manifestieren sich möglicherweise Änderungen des Bewegungsverhaltens, die positive oder auch negative Folgen haben können. Es ist unklar, welche Faktoren von betrieblicher Arbeit oder Arbeit von zuhause aus entscheidend für ein gesundes und sicheres Arbeiten sind.

Arbeitgeber können beim Homeoffice nur begrenzt Einfluss auf die Arbeitsumstände (Arbeits- und Pausengestaltung, Arbeitszeit oder Arbeitsdauer) nehmen. Umso wichtiger ist es Arbeitgebern, Arbeitsschutzakteuren und Beschäftigten adäquate Handlungsempfehlungen zur Verfügung zu stellen. Grundlage hierfür müssen gesicherte Erkenntnisse aus der Praxis sein, die in beiden Örtlichkeiten (Betrieb und Homeoffice) gewonnen werden.

Aus diesem Grund wurden in einer Felduntersuchung 52 hybrid Arbeitende aus bei der BG RCI versicherten Betrieben während einer realen Arbeitswoche mit Homeofficearbeit und Arbeit im Betrieb zu verschiedenen Faktoren (z. B. Pflege/Betreuungsverpflichtung, Entfernung zur Arbeitsstätte, Tätigkeitsfeld etc.) befragt. Außerdem wurde das Bewegungsverhalten der Teilnehmenden mit einem Sensor (ActivPAL 4+ = Magnetometer, Barometer und Akzelerometer) gemessen und ausgewertet. Sowohl die Aktivität vor, während und nach der eigentlichen Arbeitszeit, die Pausengestaltung und der Arbeitsweg als auch ggf. stattfindende sportliche Aktivität waren für die Untersuchung interessant. Ein spezielles Augenmerk wurde auf die gesundheitlich nachteiligen, langen Sitzintervalle gelegt. Die Messungen fanden deutschlandweit statt und dienten ebenfalls als Grundlage für die Weiterentwicklung des CUELA-Moduls "Bewegungsarmes Verhalten".

Weitere Ziele dieses Projekts waren die Aufbereitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse als Grundlage für praktische Handlungsempfehlungen zur Gestaltung und ggf. Verbesserung des Bewegungsverhaltens in beiden Settings sowie die Identifizierung von Forschungslücken für eventuelle Folgeprojekte.

Aktivitäten/Methoden:

Zunächst wurde geeignete Hard- und Software zur Messung des Bewegungsverhaltens ausgewählt und beschafft. Die Anforderungen waren eine hohe Benutzerfreundlichkeit und Robustheit bei gleichzeitig hoher wissenschaftlicher Qualität. Zur Erfassung der Tagesabläufe und sonstigen Aktivitäten wurden standardisierte Fragebögen zu Schlafqualität, Aktivität und muskuloskelettalen Beschwerden (Pittsburgh Sleep Quality Index, International Physical Activity Questionnaire, Cornell Musculoskeletal Discomfort Questionnaire) verwendet und eigens angepasste Protokolle zur Erfassung des Tagesverlaufes entworfen. Die Erhebung sollte typische Arbeitstage einer ganzen Woche umfassen, von denen mindestens zwei im Betrieb und zwei zuhause stattfinden sollten.

Die Auswertung baute auf bereits veröffentlichten Studien auf und umfasste zum einen Parameter des Bewegungsverhaltens (Schritte, Haltungen und Haltungswechsel, Aktivitäten, METs etc.) aber auch der Tagesaktivität (Schlaf, Arbeitszeit, Pausengestaltung, sonstige Aktivitäten etc.). Zum anderen sollte identifiziert werden, ob aufgrund der möglicherweise divergierenden Tagesgestaltung je nach Arbeitsort Faktoren existieren, die mit einem gesünderen Bewegungsverhalten in Verbindung gebracht werden können.

Ergebnisse:

Die Methodik war passend und ambitioniert gewählt, um für den internationalen Vergleich adäquate Datenqualität zu gewährleisten. Die Stichprobengröße, Datenanalyse und speziell die Betrachtung sowohl der gesamten Wach- als auch der reinen Arbeitszeit sowie die Gegenüberstellung ist ein Novum und bringt wertvolle neue Erkenntnisse.

Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Es zeigte sich ein sehr hoher Anteil sedentären Verhaltens sowohl bei Betrachtung der reinen Arbeitszeit (Büro 69 %, Homeoffice 75 %) als auch der gesamten Wachzeit (Büro 64 %, Homeoffice 66 %). Im Homeoffice fanden sich mehr lange, ununterbrochene sedentäre Intervalle als im Büro. Die Stehanteile fielen während der Wachzeit insgesamt höher aus (Büro 27 %, Homeoffice 26 %). Während der Arbeitszeit könnte die Ausstattung mit auf Stehhöhe verstellbaren Tischen zu höheren Stehanteilen im Büro beigetragen haben (Büro 25 %, Homeoffice 20 %). Keiner der kompositionellen Parameter "Sedentär", "Stehen" oder "Bewegen" zeigte im Regressionsmodell einen Zusammenhang mit der Schlafqualität oder muskuloskelettalen Problemen während der Erhebungswoche.

Besonders interessant war auch die Betrachtung einzelner Zeitintervalle im Arbeitskontext. So wurden beispielsweise am Freitag besonders hohe Anteile sedentären Verhaltens speziell im Homeoffice gefunden, während sich die anderen Tage nicht deutlich bzgl. Arbeitsort unterschieden. Auch bei isolierter Betrachtung der Mittagspause ergaben sich Auffälligkeiten. Im Büro waren die Haltungswechsel geringer (2,7 gegenüber 5,4 im Homeoffice), jedoch die Aktivität etwas höher (1,8 MET gegenüber 1,7 MET im Homeoffice). Diese Analyse – ebenso wie die Betrachtung individueller Unterschiede – lässt sich gut in praxisnahe Empfehlungen transferieren. Obwohl die Stichprobe deutlich aktiver als die deutsche Normalbevölkerung war (nur ca. 7 % erfüllten nicht die WHO-Empfehlungen zur Aktivität gegenüber rund 48 % der 18- bis 64 Jährigen in der Normalbevölkerung), ließen sich auf individueller Ebene noch große Verbesserungspotenziale identifizieren, z. B. bei der Unterbrechung besonders langer, ununterbrochener Sitzintervalle.

Aus den Ergebnissen werden Anforderungen und Empfehlungen abgeleitet, die in Zusammenarbeit mit den Projektpartnern erarbeitet und distribuiert werden. Die Präventionsexperten der BG RCI nutzen und präsentieren die Erkenntnisse in ihrer alltäglichen Arbeit, zusätzlich wurde ein Artikel im BG-RCI-Magazin auf den Weg gebracht.

Die Ergebnisse wurden und werden auch weiterhin auf nationalen wissenschaftlichen Kongressen sowie in schriftlicher Form veröffentlicht und zugänglich gemacht.

Stand:

23.04.2026

Projekt

Gefördert durch:
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V. (DGUV)
Projektdurchführung:
  • Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI)
Branche(n):

-branchenübergreifend-

Gefährdungsart(en):

Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren

Schlagworte:

Bildschirmarbeit, Arbeitsformen

Weitere Schlagworte zum Projekt:

Bewegungsverhalten, sedentäres Verhalten, Freizeit, Arbeitszeit, Schlaf, Tagesverlauf, Arbeitsweg, Pausengestaltung, Homeoffice, Büro, Büroumgebung, hybrides Arbeiten, Betrieb, Bildschirmarbeit, Muskel-Skelett-System, Haltungen, Haltungswechsel, körperliche Aktivität, Sensorgestützt, Fragebogen

Kontakt

Weitere Informationen

Wechsler, K.; Weber, B.: Studie zur Analyse des Bewegungsverhaltens beim hybriden Arbeiten. DGUV Forum (2025) Nr. 9, S. 7-9

Wechsler, K.; Taskan, E.; Barton, A.; Ellegast, R.P.; Weber, B.: Studie zur Analyse des Bewegungsverhaltens beim hybriden Arbeiten – Kombination von Sensor- und Befragungsdaten. 71. GfA-Frühjahrskongress 2025, Aachen - Arbeit 5.0: Menschzentrierte Innovationen für die Zukunft der Arbeit, 25.-27. März 2025, Aachen, GfA-Press, Sankt Augustin

Weber, B.; Hermanns-Truxius, I.; Wechsler, K.; Ellegast, R.P.: Proposal for the assessment of technically measured physical activity and sedentary behavior at the workplace. Proceedings of the 22nd Congress of the International Ergonomics Association (IEA) 2024 - Better Life Ergonomics for Future Human. August 25-29, 2024, ICC Jeju, Republic of Korea